„Wo wart ihr denn so lange? Ich hab mir schon Sorgen gemacht“, hörte ich Mama beunruhigt aus dem Wohnzimmer rufen.
„Syrran ist ausgebüxt. Ich muss noch mal raus, um sie zu suchen“, erklärte ich ihr.
„Es ist gleich halb zwölf. Das ist zu spät. Bleib bei den Jungs! Ich nehme das Auto und suche sie“, schlug Mama vor und erhob sich vom Sofa.
„Was soll mir denn da draußen schon passieren?! In unserer Gegend sind doch nun wirklich nicht gerade die Großkriminellen unterwegs. Syrran ist mein Hund, ich habe sie verloren und ich muss sie finden. Mein Handy nehme ich mit.“ Ich verschwand wieder in der Dunkelheit, bewaffnet mit einer Taschenlampe.
Es hatte aufgehört zu regnen, und die Wärme, die immer noch herrschte und an eine Dampfsauna erinnerte, brachte mich zum Schwitzen. Ich dachte, dass es das Beste wäre, in Richtung Hauptstraße zu gehen, falls Syrran dort umherirrte. Meine größte Angst war, sie dort zu finden ... überfahren.
Plötzlich hörte ich etwas und blieb wie erstarrt stehen, um zu lauschen. Die Geräusche kamen von einem Hof, der nah an der Hauptstraße lag. War Syrran vielleicht dort? Hatte sie dort Spielkameraden gefunden? Dieser Hof war voller Hunde, Katzen und Ponys. Ich bog auf den kleinen Weg ein, der zu dem Wohnhaus führte, und sah, dass sich in der Dunkelheit etwas bewegte. Es waren Pferde! Zwei Gestalten saßen auf zwei der Tiere und versuchten sie zum Galoppieren zu bringen. Sie zogen ihnen die Führstricke über und fuchtelten wie wild damit herum. Ich konnte die Gesichter der Gestalten zwar nicht sehen, aber ich konnte erkennen, dass es sich um Jugendliche handelte, so um die dreizehn, vierzehn Jahre alt. Die Stimmen klangen in etwa so, wie wenn der Fernseher beim Nachbarn läuft: Man hört, dass jemand spricht, aber man versteht es nicht deutlich. Das Lachen, das durch die Nacht zu mir herüberdrang, kam mir irgendwie bekannt vor. Vielleicht hatte ich es schon einmal im Schulbus gehört.
Da es merkwürdig wirken musste, wenn ich allein mitten in der Nacht dort herumschlich, beschloss ich, umzukehren. Syrran war offensichtlich nicht hier. Es gab wirklich merkwürdige Menschen: Die ritten ihre Pferde bei diesem Wetter um diese Uhrzeit. Zudem schienen sie sehr grob mit ihnen umzugehen.
Ich schaltete die Taschenlampe ein und leuchtete weit über die Äcker. Jetzt war mir doch ein wenig mulmig. Ich vermisste die Sicherheit, die mir die Hunde sonst gaben. Als ich wieder die Hauptstraße erreichte, pfiff und rief ich, so laut ich konnte. Meine Stimme hallte durch die Dunkelheit und klang irgendwie kläglich dünn. Ich erschrak mich zu Tode, als plötzlich das Handy läutete.